Götz J. Kirchhoff

Vorstand
Artus Direct Invest AG

interview

« Pionier der ETFs »

IDEAS: Der Handel mit Indexfonds, auch Exchange Traded Funds genannt, ist in Europa ein junger Markt, während sie in den USA seit 1993 von BGI angeboten werden. In Deutschland gelten Sie, Herr Kirchhoff, als Pionier der Branche. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Entwicklung dieses Marktes gemacht?

Götz J. Kirchhoff: Mit dem Inkrafttreten des 3. Finanzmarktförderungsgesetzes und der einhergehenden Kapitalanlagegesetznovellierung (KAGG) Ende des letzten Jahrzehnts war es überhaupt erst möglich, Indexfonds in Deutschland aufzulegen. Wir haben ab 2001 mit Indexchange den ETF-Markt in Deutschland und Europa entwickelt und trafen auf Investoren, die kaum über Exchange Traded Funds informiert waren. Die Unterschiede zwischen aktivem und passivem Management mussten ebenso herausgearbeitet werden wie die verschiedenen Kostenstrukturen bei den bestehenden indexnahen passiven Fonds gegenüber den neuen ETFs. Der wesentliche Unterschied besteht in der kostenfreien Struktur bei Mittelzu- und -abflüssen. Der Trend ist dennoch eindeutig: Die Bereitschaft der Anleger nimmt zu, den Schwerpunkt eines Portfolios auf passive Investments zu legen. Etwa 30 Prozent der Portfolien in den USA sind bereits so ausgerichtet, in Deutschland liegt die Quote etwa bei 5 bis 10 Prozent – mit steigender Tendenz.

IDEAS: Entwickelt sich der Markt für ETFs in Deutschland ähnlich wie in den USA?

Kirchhoff: Indexfonds existierten dort seit 1971, ETFs aber erst seit 1993. Auch im US-Markt hat es dann einige Zeit gedauert – von etwa 1993 bis 1998 – bis die Aufklärungsarbeit für börsengehandelte Indexfonds geleistet war und der Markt dort in Gang gekommen ist. Wenn man die Entwicklungskurven des europäischen ETF-Markts mit denen in den USA vergleicht, hat sich der Markt in Europa dynamischer entwickelt. Nachdem in Europa erkannt wurde, welche Vorteile in dieser Anlageklasse stecken, wuchsen die Volumina schnell. In absoluten Zahlen sieht dies in den USA zunächst eindrucksvoller aus. Sie dürfen allerdings nicht vergessen, dass die USA einen um ein Vielfaches größeren Kapitalmarkt besitzen. Per Juni 2008 wurden in Europa 497 ETFs mit EUR 107,6 Milliarden verwaltetem Vermögen angeboten. Dies entspricht einer Quote von 10 bis 12 Prozent im Verhältnis zum ETF-Gesamtmarkt.

IDEAS: Was ist für den Privatanleger so spannend an ETFs?

Kirchhoff: Der Privatanleger bekommt in der Regel einen aktiv gemanagten Fonds angeboten. Neben den Transaktionskosten sind dort die Kosten für das aktive Management zu tragen. Im Portfolio muss man etwa 1,5 Prozent einkalkulieren, die zusätzlich zur Management Fee in Rechnung gestellt werden. Wenn Sie heute einen aktiv gemanagten Fonds halten, wird die Performance zu 20 Prozent durch das aktive Management und zu 80 Prozent durch die Benchmark bestimmt. Gemessen an der Höhe der Kosten hat selbst ein guter Manager keine Chance, die Benchmark zu übertreffen. Ein Beispiel: Vorzeige-Fondsmanager Bill Miller hat mit seinem Value Trust Fund 15 Jahre den S&P 500 outperformt, musste sich jedoch in den vergangen zwei Jahren geschlagen geben. Eine konstante Outperformance in diesem Bereich gibt es nicht. Es spricht viel für das passive Management, denn jeder eingesparte Euro an Kosten bringt zusätzliche Performance.

IDEAS: Auch steuerlich sind ETFs bis Ende 2008 sehr attraktiv ...

Kirchhoff: ETFs sind Sondervermögen nach der OGAW III-Richtlinie und in diesem Zusammenhang unterliegen sie dem Investmentsteuergesetz. Für ETF-Anlagen, die noch bis 31. Dezember 2008 getätigt werden, sind nach zwölf Monaten Haltedauer die Kursgewinne steuerbefreit. Im Gesamtportfolio gilt es abzuwägen zwischen Aktien- und Rentenseite. Wenn Sie heute in einen Rentenfonds investieren, müssen Sie die Erträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz – 30 bis 42 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag plus Kirchensteuer – versteuern. Wenn Sie heute Aktienfonds erwerben, gilt hingegen das Halbeinkünfteverfahren. Künftig unterliegen Wertsteigerungen und Erträge aus beiden der einheitlichen Abgeltungsteuer. Dies begünstigt später eher wieder die Rentenfonds. Nach Möglichkeit sollte ein Anleger die Aktienquote in diesem Jahr sogar etwas überdehnen. Wenn Sie in den folgenden Jahren Rentenanlagen tätigen, wird sich später die Aktienquote ohnehin relativieren. Swap-basierte ETFs spiegeln die Performance über Derivate in den Fonds. Diese haben den Vorteil, dass, wenn sie noch in diesem Jahr erworben und nach einer Haltedauer von zwölf Monaten veräußert werden, sowohl die Performance aus der Wertsteigerung als auch die thesaurierten Erträge steuerfrei sind.

IDEAS: Was ist der Vorteil für institutionelle Anleger?

Kirchhoff: Neben den Vorteilen, die sich auch für Privatanleger ergeben, wie Einfachheit, Transparenz und Flexibilität, steht die Handelbarkeit in großen Volumina mit engen Spreads im Fokus. Im OTC-Markt kann ein Institutioneller größere Block Trades mit dem Market Maker direkt handeln als das Volumen, das auf den klassischen Börsenplattformen zur Verfügung steht.

IDEAS: Derzeit sieht es an den internationalen Aktienmärkten nicht rosig aus. Während ein ETF auch die Abwärtsbewegung nachvollzieht, kann ein aktiver Fondsmanager darauf reagieren und sein Portfolio umschichten. Würden Sie darin eine Schwäche der ETFs sehen?

Kirchhoff: Wenn Sie an langfristig steigende Aktienmärkte glauben, ist ein ETF durchaus sinnvoll. Betrachten Sie den Dow Jones von 1980 bis heute – eine Entwicklung von 800 auf 11.600 Punkte. Sie werden Kurseinbrüche wie 1987, 1998, 2000 oder 2007/2008 finden. Auf lange Sicht ist jedoch ein Aufwärtstrend zu beobachten, trotz der Schwankungen. Sie müssen sich entscheiden: Bin ich Kurzfrist- oder Langfrist-Anleger? Wenn ich langfristig investiere, brauche ich mich um die Schwankungen nicht zu kümmern. Bei 8.000 Punkten im DAX sagen manche: „Das ist der Höchststand, jetzt steige ich aus!", und stellen sich gleichzeitig die Frage: „Wann soll ich wieder reingehen?" Wer hätte gewusst, dass bei 5.800 Punkten der niedrigste Stand in dieser Periode gewesen ist? Es hätte auch noch einen niedrigeren Einstand bei 5.500 Punkten geben können. Für Langfrist-Anleger spielt dies keine Rolle. Für kurzfristiger orientierte Anleger bieten sich Dachfonds an, die ETFs mit Trendfolgemodellen abbilden.

IDEAS: Indexzertifikate werden inzwischen auch auf die exotischsten Märkte wie Kasachstan oder Vietnam begeben. Ist dieser Trend in Zukunft auch bei den ETFs zu erwarten?

Kirchhoff: Gerade im Zertifikatebereich kommen besonders exotische Märkte zum Tragen. Wenn man den ersten Vietnam-ETF in Bezug auf Marktkapitalisierung und Liquidität und Markttiefe betrachtet, ist dies schon bedenklich. Muss wirklich jedes Land als ETF repräsentiert werden? Ein Kernportfolio kann sicherlich mit ETFs abgebildet werden. Für exotische Märkte kann man durchaus auch einmal ein Zertifikat wählen. Stellen Sie sich immer die Frage, welchen Stellenwert Sie einem Nischenmarkt im Gesamtportfolio geben, sowohl unter Berücksichtigung der Performance als auch des Risikos.

IDEAS: Danke für das Gespräch. MK