rohstoffstrategie

Auf Gold setzen!

Die Zeiten ändern sich schnell: Die Suche nach dem „safe haven" infolge der dramatischen Zuspitzung der Finanzmarktkrise hat Gold in den letzten Tagen starken Auftrieb gegeben.

Dagegen hatten in den Wochen zuvor die Stärke des US-Dollars und der fallende Ölpreis schon einige Analysten dazu bewegt, das Ende der Goldhausse auszurufen. Wir sind überzeugt, dass die gestiegene Risikoaversion und eine steigende physische Nachfrage dem Goldmarkt bis Jahresende kräftige Impulse geben werden.

Erneute Zuspitzung der Finanzmarktkrise macht Gold wieder attraktiv
Die Aufwertung des US-Dollars und die Preiskorrektur am Rohstoffmarkt hatten Gold zuletzt stark in Mitleidenschaft gezogen: Seit Mitte Juli hatte das Edelmetall, das oft zur Absicherung gegen eine steigende Inflation herangezogen wird, rund 25 Prozent korrigiert. Zwischenzeitlich war sowohl die 200- als auch die 400-Tage-Linie verletzt. Ein Fall unter diese Linien signalisiert häufig eine langfristige Trendwende, doch dieses Mal dürfte es sich um eine Bärenfalle gehandelt haben. Nach dem jüngsten Preissprung – dem stärksten innerhalb eines Tages seit 1980 – notiert der Goldpreis wieder über der 400-Tage-Linie.

Angesichts der hohen Unsicherheit dürfte die Aufhellung des technischen Bilds auch die Finanzinvestoren wieder anlocken. Diese waren in den letzten Wochen deutlich vorsichtiger geworden. Seit Mitte Juli waren bei den Exchange Traded Funds (ETFs), die Gold als Einlage physisch hinterlegen müssen, signifikante Abflüsse zu verzeichnen: Vor allem das Fondsvolumen des mit Abstand größten Gold-ETFs, SPDR Gold Shares, schrumpfte seitdem um immerhin gut 60 Tonnen. Unseres Erachtens waren diese Abflüsse teilweise auf Liquidationen seitens der Aktien- und Rohstofffonds zurückzuführen, die dort überschüssige Liquidität „geparkt" hatten. Nun könnte sich dieser Trend wieder umkehren.

Pessimismus der Spekulanten dürfte nachlassen
Auch die Stimmung der Spekulanten dürfte sich aufhellen: Zuletzt waren die sogenannten Netto-Long-Positionen der nichtkommerziellen Händler, also die Differenz zwischen den Long- und den Short-Positionen der Großanleger, für Gold an der COMEX dramatisch gesunken.

Innerhalb der letzten zwei Monate haben sich die Positionen mehr als halbiert und liegen jetzt auf dem niedrigsten Niveau seit über einem Jahr. Die Stimmungsindikatoren von Net Davis Research bestätigten das Bild: Der Markt war in den vergangenen Wochen ebenso extrem pessimistisch eingestellt wie zuletzt vor gut einem Jahr, als der Goldpreis noch unter USD 700 notierte. Zur Erinnerung: In den folgenden Monaten stieg der Goldpreis um knapp 50 Prozent auf über USD 1.000 je Unze. Auch wenn wir zurzeit nicht vom gleichen Ausmaß der Aufwertung ausgehen, spricht der übertriebene Pessimismus für ein hohes Steigerungspotenzial.

Saisonal starke Nachfrage und günstige Preise unterstützen
Unumstritten: Wir haben immer betont, dass Gold eigentlich kein Rohstoff ist, sondern vielmehr ein Sachwert und eine Währung. Seinen Wert leitet das Edelmetall nicht wie andere Rohstoffe von der Knappheit ab, sondern vielmehr von seiner Begehrlichkeit und der Entwicklung an der Wirtschaftsfront und am Finanzmarkt. Dennoch gibt es auch hier eine Angebots- und eine Nachfrageseite, die mittelfristig Einfluss auf die Verfügbarkeit nehmen. Die Nachfrage beispielsweise wird vor allem durch den Schmucksektor determiniert, der mit einem Anteil von 70 Prozent die mit Abstand wichtigste Nachfragekomponente stellt. Nach einer äußerst schwachen ersten Jahreshälfte hat die physische Nachfrage auf den dramatischen Preisverfall stark reagiert. Die Nachfrage des größten Goldimporteurs, Indien, stieg im August um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 100 Tonnen, die des zweitgrößten, der Türkei, sogar um 70 Prozent auf 47,2 Tonnen.

Auch wenn die soziale Einstellung zu Gold von Land zu Land unterschiedlich ist, so ist allen Kulturen gemein, dass Goldschmuck vor allem zu bestimmten Anlässen verschenkt wird. Und von diesen fallen die meisten in die zweite Jahreshälfte: z. B. das islamische Fest des Fastenbrechens, das indische Lichterfest Diwali sowie Weihnachten in der christlichen Religion. Und nicht zuletzt beginnt im Oktober die zweite indische Hochzeitssaison. Die Goldnachfrage zeigt deshalb ein stark ausgeprägtes saisonales Muster, wobei sie jeweils im Jahresschlussquartal am höchsten ist. Diese Saisonalität spiegelt sich auch in der Entwicklung der Preise wider: In den Monaten September bis Dezember zogen sie in der Vergangenheit deutlich stärker an als im Monatsdurchschnitt üblich.

Knapperes Angebot
Ein weiterer preisstützender Faktor ist das sich verknappende Angebot. Vor allem in Südafrika, bis vor Kurzem noch der weltweit größte Goldproduzent – über ein Jahrhundert lang –, war die Produktion in den letzten Jahren rückläufig. Laut der Chamber of Mines of South Africa lag die Produktion im ersten Halbjahr um 16 Prozent unter dem Vorjahreswert. Vor allem die stark steigenden Land-, Strom-, Transport- und Lohnkosten sowie geringere Mineralgehalte waren dafür verantwortlich. Auch in Australien, dem drittgrößten Produzenten, sank die Produktion: Sie lag im zweiten Quartal 13 Prozent unter dem Vorjahresergebnis und damit auf dem niedrigsten Niveau seit 18 Jahren. Insgesamt verringerte sich die weltweite Minenproduktion von Gold im ersten Halbjahr 2008 um 9,3 Prozent.

Die Belebung der physischen Nachfrage wird, gepaart mit einem erneut steigenden Investoreninteresse, dem Goldpreis Auftrieb geben. Die sich dramatisch verschlechternden Nachrichten aus dem Finanzsektor werden die Risikoaversion auf einem hohen Niveau halten. Ein maßgeblicher Einflussfaktor für den weiteren Verlauf wird die Entwicklung des US-Dollars sein. Wir gehen nicht davon aus, dass sich dessen jüngster Höhenflug so fortsetzen wird, sondern erwarten vielmehr eine erneute Gegenbewegung. Für die kommenden Monate sind wir insgesamt für Gold optimistisch gestimmt, auch wenn eine wichtige Unterstützung, die Nachfrage nach Gold zum Schutz vor Inflation, entfallen sollte. Zum Jahresende halten wir Preise von USD 900 je Feinunze für realistisch. EW